Samstag, 4. September 2010

Rezension: "111 Gründe offen zu Lieben" - Cornelia Jönsson & Simone Maresch

- Ein Loblied auf offene Beziehungen, Polyamorie und die Freundschaft

"Das traditionelle Beziehungskonzept von zwei Menschen, die sich ein Leben lang im Herzen, im Bett und im Geiste genügen, ist in der heutigen Zeit nicht mehr für alle passend. Denn jeder Mensch hat viele verschiedene Bedürfnisse, die ein einziger Partner oft nicht erfüllen kann. Die Öffnung einer Beziehung ist eine flexible Alternative, wenn man mehr als einen an seinem Leben teilhaben lassen will."

Zum Thema Polyamorie gibt es bisher nicht allzu viel geschriebenes. Umso schöner, dass die zwei (Wahl-)Berlinerinnen, welche selbst polyamor lieben, sich diesem Thema gewidmet haben. 

Was der Untertitel dieses Buches verspricht, das hält es auch. Was ein dröger Ratgeber hätte werden können, offenbart sich als ein sehr unterhaltsames, gehaltvolles Buch, welches anhand der Protagonisten das Thema offene Beziehung und Polyamorie aufarbeitet und lebendig werden lässt. Meine Befürchtung war, dass dieses Werk sich an grauer Theorie entlang hangelt oder mit erhobenem Zeigefinger mahnt, wie man zu einem besseren Menschen, einem besseren Beziehungswesen werden kann. Doch die Herangehensweise bleibt zum einen sehr nah am Geschehen, in dem die Theorie nämlich keine solche bleibt sondern exemplarisch am Leben der Protagonisten, deren Biographien und aktuellen Lebenssituationen zur Praxis wird.

Die Protagonisten, das sind die Bewohner einer berliner WG, nämlich Florian und Annika, welche gleichaltrig sind, eine Beziehung führen und ein gemeinsames Kind erwarten, Magrit, die eine Beziehung zu Annika unterhält, wesentlich älter ist als diese und zeitgleich in einer offenen Ehe samt Kindern lebt sowie Cem, Philosoph, schwul und an Beziehungen alles andere als interessiert. Doch diese vier Charaktere haben auch noch Freunde, welche in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen. 

So heißt es im Vorwort:
"Wir glauben nicht mehr, dass Liebe durch Unfreiheit erkämpft werden muss. Wir unterteilen unsere Beziehungen nicht mehr in 'wichtiger' und 'weniger wichtig', wobei Lebenspartner sehr wichtig und Freunde viel weniger wichtig sind."

Die 111 Gründe, an denen sich das Thema aufhängt stellen jeweils die Kapitelüberschriften dar, deren Inhalt im Kapitel erschlossen wird. Zwar verfolgt das Buch einen Handlungsstrang, doch kann man häufig auch einfach einzelne Kapitel lesen, ohne verloren zu sein. 
Polyamorie wird nicht als Allheilmittel betrachtet. Doch wird der Fokus auf eine Lebens- und Liebeseinstellung gerichtet, die auch heut zu tage noch alles andere als alltäglich ist, und die viel Umdenken erfordert. Alleine schon die Vorstellung, mehr als eine Person zu lieben ist für viele Menschen schwer vorstellbar. Oder doch vorstellbar - für einen selbst. Aber diese Freiheit dem Partner zu zu gestehen? Da hört es oft schon auf. 

Kein Tabuthema: Eifersucht

Menschen die polyamor leben, sind nicht automatisch eifersuchtsfei. Es hat mich sehr gefreut zu lesen, dass die Autorinnen sich diesem Thema auch widmen. Eifersucht wird kein poyamores Tabuthema, sondern als ein kulturelles Phänomen betrachtet, welches durch Sozialisation internalisiert wird und daher besonderer Reflexion bedarf. So reflektieren alle Protagonisten über Eifersucht, kommen zu dem Schluss, dass diese häufig eine Verlustangst darstellt, oder eine Angst davor, unzulänglich zu sein. Dass Eifersucht aber oftmals auch Problem einer Person mit sich selbst ist. Dass sie Angst davor hat, unzulänglich zu sein, muss mit dem Partner und seinen Aktivitäten nichts zu tun haben. 

Fazit: Seien wir realisisch - versuchen wir das Unmögliche


Ich für meinen Teil kann dieses Buch wärmstens empfehlen. Es ist angenehm und leicht zu lesen, beinhaltet dennoch hier und da philosophische Theorien. Es geht nicht von einem perfekten Weg aus, sondern zeigt auf, dass die Art und Weise, wie Polyamorie gelebt wird, von den Beteiligten und deren Bedürfnissen abhängt. Es zeigt auch auf, dass im Grunde genommen, nichts unmöglich ist, weil es lediglich nicht der Norm entspricht. Dass Beziehungen sich wandeln können, mit den Menschen und deren Bedüftnissen. Dass eine neue Liebe eine alte nicht ab- oder ersetzen muss, sondern zu einer Bereicherung für alle Beteiligten führen kann.

111 Gründe offen zu lieben
Cornelia Jönsson, Simone Maresch
Schwarzkopf & Schwarzkopf
9,90€

1 Kommentar:

  1. Oh ja, das Buch kann ich auch empfehlen! Besonders gut finde ich die kleinen Zitate, mit denen jedes Kapitel anfängt.

    AntwortenLöschen