Der folgende Beitrag stellt lediglich eine Aneinanderreihung von Gedanken dar. Er erhebt weder Anspruch auf sachliche und definitorische Korrektheit noch Vollständigkeit. Wenn er zum Nachdenken anregt und andere Sichtweisen oder Ergänzungen hervor bringt, ist das sehr begrüßenswert.
Die unerwiderte Liebe ist die kleine, bemitleidete,
beschämte und auch ein wenig gefürchtete Schwester der großen Liebe. Niemand
will mit ihr etwas zu tun haben. Es wäre besser, es würde sie nicht geben,
darin sind sich alle einig. Sie ist eine tragische Gestalt, die unerwiderte
Liebe. In ihrer Entstelltheit bildet sie den krassen Kontrast zu ihrer großen
Schwester. Und sie führt den romantisch veranlagten BetrachterInnen vor Augen,
dass es eben schief gehen kann, mit der großen Liebe. Dass Liebe auch eine
Schieflage haben kann. Das passt einfach nicht zu dem Ideal, welches die
BetrachterInnen von der Liebe haben. Die
unerwiderte Liebe ist einfach keine schöne Liebe. Sie ist nicht schön anzusehen
und sich in sie hinein zu versetzen, fühlt sich nicht gut an. Oftmals tut sie
sogar weh.
Die große Liebe
Dass die große Liebe auch manchmal garstig sein kann, wird
oft nicht gesehen. Ich glaube, sie hat sich über die Jahrhunderte hinweg mit vielen
bekannten SchriftstellInnen eingelassen, sich gekonnt in Szene gesetzt und ihr
Image auf hervorragende Art und Weise gepflegt. Sie ist eine schillernde Muse –
schon immer ein großer Popstar gewesen. Dass sie dabei eben auch noch eine Diva
ist und das Maß des Gesunden mit stetiger Regelmäßigkeit überschreitet, das
macht sie beim Volk nicht unbeliebter. Im Gegenteil. Dass Menschen bereit sind,
für sie, die große Liebe zu sterben, zum Beispiel, macht sie – so verrückt es auch klingen mag – sogar
noch unwiderstehlicher.
Eine gewisse Geltungssucht wohnt ihr inne. So wie allen
Diven. Sie stellt andere Familienmitglieder und Freunde gerne in den Schatten.
Sie ist die Nummer eins. Die platonische Liebe stinkt ab, sie ist langweilig
und nicht so leidenschaftlich. Und zu verkopft. Das macht sie nicht so
bühnenreif. Ihr fehlt es an Romantik und an Leidenschaft. Die unerwiderte Liebe
ist ein trauriges und unscheinbares Mauerblümchen. Das hat zwar ihren Charakter
geprägt, aber es fehlt ihr an Charisma. Die
erotische Liebe wiederum hat viele Anhänger, ist so richtig begehrt aber auch
nur mit der großen Liebe zusammen. An der erotischen Liebe alleine haftet noch
zu viel Anrüchiges. Oft wird sie auch verschmäht, wenn die Große ankommt und
durch diese ersetzt. Oder sie darf weiter mitspielen – als Beiwerk zu der
großen Liebe.
Die Freunde der großen Liebe sind zweifelhafte Rockstars wie
der Zorn und der Hass. Zwischen ihnen steht die Leidenschaft. Mit dieser hat
die große Liebe oft ein Stelldichein. Mit dem Zorn und dem Hass auch. Manchmal
feiern sie die reinsten Orgien, alle miteinander.
Doch die große Liebe hat viele Freunde und viele Fans. Sie
ist gefällig und glamourös. Sie verheißt ewiges Glück. Und sie hat viele
Talente. Ihr Charisma ist außerordentlich, ebenso ihre rhetorischen
Fähigkeiten. Wenn sie den Mund öffnet und ihre Worte diesen verlassen, ihre
schöne Stimme den Raum mit Engelszungen erfüllt, fliegen ihr die Herzen zu.
Eine Freundin teilt sie sich mit ihrer kleinen Schwester.
Und zwar die Selbstlosigkeit. Dabei hat die Selbstlosigkeit mit der
unerwiderten Liebe ein wesentlich engeres, bzw. ein beständigeres Verhältnis.
Die große Liebe ist eben eine Diva und als solche schon mal recht impulshaft
und unbeständig. Da kann es geschehen, dass sie sich urplötzlich von der
Selbstlosigkeit abwendet und sich mit deren Rivalin, der Selbstsucht einlässt.
Meistens endet das dann im Drama. Doch gerade das Drama ist die größte Bühne
der großen Liebe. Auch die Leidenschaft, der Zorn und der Hass führen sie öfter
an diesen Schauplatz.
Doch die Selbstlosigkeit ist nicht nachtragend und sehr
geduldig und nimmt sie immer wieder gerne zurück. Sie freut sich, wenn die
große Liebe ihre ruhigen Momente hat, sich rückbesinnt und begreift, dass sie nicht die Sonne ist, um die
alles kreist. Dass sie im Grunde genommen nur wirklich wirken kann, wenn sie
für andere da ist. Dass geben und nehmen sich eben gegenseitig bedingen.
Die unerwiderte Liebe
Bei all diesem Sinnieren um die große Liebe, ist sie wieder
in den Schatten geraten, die Unerwiderte. Ich frage mich, ob dieser eine Art
Fluch anlastet. Denn wie es scheint, macht sie alle unglücklich, die mit ihr in
Berührung kommen. Auch sie ist oft Muse von allerlei KünstlerInnen. Doch deren
Werke sind weniger schillernd, weniger Dur, mehr Moll, mehr Melancholie,
Trauer, Düsternis, Selbstmord. Tragik. Kein Wunder, das sich freiwillig niemand
mit ihr einlassen möchte.
Ich glaube, oft wird ihr auch Unrecht getan. Sie leidet
unter der Verherrlichung und Vermarktung ihrer großen Schwester. Weil sich die
meisten nicht trauen sie anzusehen – immerhin könnte sie Unglück bringen –
bemerken sie nicht, dass sie so entstellt und hässlich gar nicht ist. Auch ist
der Kummer nicht ihr ständiger Begleiter. Er ist schon recht anhänglich und sie
harmonieren gut miteinander, aber sie sind nicht unweigerlich aneinander gebunden.
Nein, die unerwiderte Liebe kennt auch die Freude und die Leidenschaft. Einen
guten Draht hat sie auch zur Hoffnung. Allerdings enttäuscht diese sie auch
öfter. Die unerwiderte Liebe täte gut daran, sich nicht auf sie zu verlassen. Aber
die Selbstlosigkeit, die kann ihr viel Stärke geben – und ist zudem ein
ziemlich gutes Argument.
Wie gesagt: Die unerwiderte Liebe ist schüchtern und
unscheinbar. Ein Mauerblümchen, ein
Nachtschattengewächs. Sie zeigt sich nicht gerne offen und verhüllt sich
lieber. Sie hat Komplexe, was bei so einer großen Schwester auch nicht wundert.
Gerne wäre sie schön und merkt dabei nicht, dass sie es eigentlich schon ist.
Denn dafür ihr fehlt die Bestätigung der Betrachter, die Angst davor haben, sie
anzublicken. Und denen, die sich auf sie einlassen, ist sie eine Enttäuschung,
weil sie eigentlich ihre große Schwester erwartet haben. Von weitem sehen sie
sich nämlich recht ähnlich.
Würde die unerwiderte Liebe nicht im Schatten ihrer
Schwester stehen und sich selbst auch etwas mehr zutrauen, dann müsste sie
nicht zwangsläufig ins Unglück stürzen. Worunter sie besonders leidet, das ist
der ständige Vergleich, dem sie ausgesetzt ist. Verdammt noch mal! Sie ist
anders, als ihre Schwester! Sie ist keine schillernde Diva. Dafür aber auch
nicht so abhängig von Bewunderung. Und so abhängig von Erwiderung. Nein, sie
ist wesentlich selbstständiger. Sie kann
für sich stehen. Autark sein. Mit der Selbstlosigkeit zusammen ein
unschlagbares Team bilden. Außerdem ist sie ein Mädchen mit Charakter und
Tiefgang.
Gefahr läuft sie allerdings, wenn sie sich mit der Sehnsucht
einlässt. Die Sehnsucht ist eine besonders gefährliche Sadistin. Sie ist sehr
verlockend und verführerisch, weil sie sich gerne mit der Hoffnung verbündet
und hervorragend massieren kann. Wenn
die Sehnsucht die unerwiderte Liebe berührt, fühlt sich das im ersten
Augenblick sehr gut an. Und sie will mehr davon. Mit steigender Intensität
allerdings, fängt die Sehnsucht an, weh zu tun. Sie mag es, das Stöhnen zu
hören, sie mag es fester zu zupacken und immer ein bisschen mehr zu geben als
das, was man ertragen kann. Dabei versteht sie sich so gut darauf, sehr schmerzhafte
Impulse mit unglaublich angenehmen zu kombinieren, sodass die unerwiderte Liebe
und alle anderen, die der Sehnsucht verfallen sind, den Schmerz dankbar in Kauf
nehmen für die Empfindungen, die sie einem nebenbei angedeihen lässt. Da die
unerwiderte Liebe ihrerseits eine masochistische Ader hat, sonst hätte sie
schon längst kapiert, dass die Sehnsucht ihr nicht gut tut, lässt sie sich
immer wieder auf diese ein. Und wer die Sehnsucht schon mal erlebt hat, kann es
ihr noch nicht einmal verübeln.
Während die große Liebe die umschwärmte ist, vermag es die Unerwiderte,
zu schwärmen. Die Selbstlosigkeit unterstützt sie tatkräftig. An der
Selbstlosigkeit liegt es aber auch, da sie so selbstlos ist, die unerwiderte Liebe
darauf hinzuweisen, dass sie sich selbst nicht vergessen darf und sich auch und
vor allem um ihr eigenes Wohlergehen kümmern muss. Weder in der Selbstlosigkeit
noch in der Sehnsucht darf sie sich verlieren, sonst wird sie tatsächlich
unglücklich.
Vielleicht könnte sie abschließen, mit einem Bewertungssystem,
welches ihre große Schwester hyped, dabei deren Schattenseiten entweder nicht
erwähnt oder romantisiert und sie selber als minderwertig darstellt.
Sie könnte sich
möglicher Weise emanzipieren von all diesen Dogmen und Vorstellungen, die sie
bemitleiden und befürchten, weil sie doch in gewisser Weise eine entstellte
Liebe sei, weil zur richtigen Liebe doch angeblich immer zwei gehören. Die
Erwiderung alle Male. Von der Selbstlosigkeit und der Leidenschaft angefeuert
und von Rationalität begleitet könnte sie sich kämpferisch zeigen und für ihre
Legitimation und Akzeptanz eintreten. Sich von ihrer großen Schwester und deren
ganzen Merchandising-Apparat loslösen und für sich selbst stehen. Sich selber
nicht bemitleiden dafür, dass sie nicht ihre große Schwester ist. Sie könnte vielleicht
mit der platonischen und erotischen Liebe fusionieren und dadurch zu mehr Kraft
und Stärke kommen. Wahrscheinlich wären das auch die besseren Freunde, als der
Kummer, die Sehnsucht und die Hoffnung.